…Bei einem emotional so vorbelasteten Gebiet wie dem unseren müssen wir uns vor unreflektierter Karma-Euphorie ebenso hüten wir vor Karma-Furcht, die sich zumeist nicht als solche zu erkennen gibt, sondern als Befürchtung, man könne sich ja alles Mögliche einreden. Während Karma-Euphorie mehr auf Wunschvorstellung oder Neugierde beruht, kleidet sich Karma-Furcht mehr in Argumente des Zweifels oder der Vorsicht, die bei einer so heiklen Sache geboten sei. In Wirklichkeit fürchtet man in der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit jedoch den Verlust der eigenen lieb gewonnenen Identität.
Dasjenige aber, worum es hier vor allen Dingen geht, ist Beobachten, Beobachten und nochmals Beobachten. Beobachtung ist das Zauberwort, der Schlüssel für alle wirkliche Karma- Erkenntnis. Nicht fern liegende Spekulationen, keine mystische Innenschau soll uns hier beschäftigen, sondern das, was uns das Leben tagtäglich kundtut und wie unsere Seele im speziellen Fall damit verwoben ist und darauf antwortet. Vorbereitend dazu ist es gut, sich mit einigen Gedanken vertraut zu machen, die unsere Aufmerksamkeit in diese Richtung lenken können.
Unser Leben verläuft — grob gesprochen — in der Polarität vonWachen und Schlafen. Von dem dazwischenliegenden Zustand, dem Träumen, sehen wir hier ab. Wenden wir uns zuerst dem Wachbewusstsein zu. Fast alles, was wir wissen, unser Denken, Fühlen und Wollen, stammt von diesem Bewusstsein her. Hier sind wir im eigentlichen Sinn als Individuen tätig. Hier findet alles statt, was wir zivilisiertes Leben nennen. Verlassen wir unser Tagesbewusstsein, z.B. während des Schlafes, erleben wir uns als passiv. Wir sind dann in einem ähnlichen Bewusstseinszustand wie die Pflanze; nämlich dem einer Lebendigkeit ohne seelische Ausdrucksmöglichkeit. Obwohl wir auf unser waches oder Tagesbewusstsein zurecht stolz sind, weil wir nur auf seiner Grundlage zunächst etwas leisten können, müssen wir doch immer wieder in den Schlafzustand zurückkehren, um von dort unsere erschöpften Kräfte zu regenerieren.
Es lohnt sich, diesen Tatbestand ins Auge zu fassen, wie ihn Goethe in seinem Faust-Drama an der Nahtstelle des ersten und zweiten Teiles gestaltet hat.‘ Faust ist infolge der Verwicklungen, in die er durch seinen Pakt mit Mephisto hineingeraten ist, in einer ausweglosen Situation: Gretchen schmachtet, wahnsinnig geworden, im Kerker; Faust selbst ist — wenn auch unabsichtlich — zum Mörder geworden. Alles, was er bewusst zur Lösung seiner verfahrenen Situation versucht, greift nicht mehr. Faust ist verzweifelt, er sieht sich in einer Sackgasse, aus der es kein Zurück gibt. Seine Lebenskräfte sind verbraucht. Er ist am Ende.
So finden wir ihn in der Anfangsszene des Zweiten Teils, schlafsuchend auf einer Wiese. Es ist Abenddämmerung. Eine wunderschöne Naturstimmung wird beschrieben, aus der ein Chor von Geistern unter der Führung Ariels heranschweben und Faust den erhofften Schlaf bringen. Doch damit nicht genug: In vier »Pausen nächtiger Weile« stellen sie ihn wieder her, sodass er, als er am anderen Morgen wieder aufsteht, angesichts der aufgehenden Sonne geradezu hymnisch ausruft: »Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig, ätherische Dämmerung, milde zu begrüßen; du, Erde warst auch diese Nacht beständig und atmest neu erquickt zu meinen Füßen.« Man muss kein moralisierender Kommentator sein, um über diese angesichts der Schuld Fausts unverdiente Hilfestellung zu staunen. Sie scheint durch nichts dramatisch entwickelt. Wir konstatieren ein Wunder, allerdings ein solches, das jeder von uns an jedem Morgen am eigenen Leib erlebt, wenngleich auch weniger auffällig. Denn wer von uns könnte behaupten, dass er aus eigener Kraft wieder aufbauen könnte, was er während des Tages fortwährend verbraucht? Wir bekommen die vitale Grundlage unseres Wachbewusstseins tatsächlich ohne unser Zutun jede Nacht aufs Neue geschenkt. Das bewusste Essen vom Baum der Erkenntnis würde unweigerlich den Tod zur Folge haben, wenn es sich nicht unbewusst immer wieder abstützen könnte auf den nächtlichen Genuss der Früchte vom Baum des Lebens, in die unser ganzes bewusstes Dasein eingebettet ist. Wir werden kraftlos, indem wir wachen, und vital, indem wir schlafen.
Wir wären allerdings schlecht beraten, wenn wir daraus den voreiligen Schluss ziehen wollten, unser Tagesbewusstsein sei schlecht und der Herr gebe es den Seinen nur im Schlaf. Es ist vielmehr die Frage, wie wir nach und nach wissend auch für die Region der Nacht werden.
Wachen und Schlafen machen uns auf zwei Seiten unserer Existenz aufmerksam: In rhythmischer Aufeinanderfolge verlieren wir des Nachts unser Bewusstsein, um es gerade dadurch am Tag wieder zu finden. Ist damit nicht auch das nächtliche oder Schlafbewusstsein unser Bewusstsein? Tagsüber erleben wir uns als Ich, indem wir die Gegenstände der Welt um uns herum vorfinden. Nachts aber, so könnten wir sagen, ist unser Ich nicht mehr punktuell, es verschmilzt vital mit der Welt. Indem es herausgeht, verliert es sich als Selbstbewusstsein (denn es ist gegenwärtig noch nicht befähigt, sich im Weltbezug halten zu können) und geht ein in den lebenden, webenden und harmonisierenden Weltzusammenhang (den Reigen der Geister). Als Schlafende sind wir ebenso Umkreis-Ich, wie wir als Wachende punktuelles Ich sind.
Hier setzt der Gedanke von Karma und Reinkarnation ein: Dasselbe Umkreis-Ich, also wir selbst in unserem Weltbezug, ist es, das sich den Leib für diese Inkarnation mit aufgebaut hat. Es war schon vorher wirksam als die Kraft, die mit Hilfe der Geister der Welt sich verkörpert hat gemäß den Ursachen, die es sich selbst in vergangenen Erdenläufen geschaffen hat. Unser Ich ist im Kern ein kreatives Ich, ein Dauerwesen, das durch verschiedene Körperlichkeiten seinen Entwicklungsweg nimmt. Wir bedienen uns dabei ebenso der Kräfte der Vererbung, um in den Raum hineinzukommen, wie wir ein Verkehrsmittel verwenden, um vom Ort A zum Ort B zu kommen. Innerhalb der Gesetze der Vererbung entfalten wir uns als Persönlichkeit, wachsen darüber hinaus und werden zum unverwechselbaren Eigenwesen während der Zeit unseres jeweiligen Erdenlebens. Durch unsere Persönlichkeit entwickeln wir über das Leben unserer Vorfahren hinaus unser eigenes seelisches Leben. Die Summe unseres seelischen Lebens als Persönlichkeit bezeichnen wir als unsere Biographie. Diese verläuft ebenso in der Zeit — als Folge von Entwicklungsschritten — wie unser Körper im Raum lebt. Man muss sich nur denken, dass sich beide durchdringen. Diejenige Gestalt aber, die von Persönlichkeit zu Persönlichkeit schreitet, das sind wir selbst als geistiges Dauerwesen, als vitales, lebendes Selbst Dieses Selbst lebt in allem, was uns als Schicksalsabläufe und Schicksalsschläge begegnet; es ist der eigentliche Inspirator des Karma und zugleich der Bringer der Vitalkräfte, die wir während des Schlafes auf unbewusste Weise empfangen.
Die Botschaft: »In meiner Persönlichkeit lebe ich, und mein Ich entwickelt sich von Persönlichkeit zu Persönlichkeit«, wäre eine wirkliche Revolution, wenn sie in die Herzen einziehen würde! Alle zwischenmenschlichen Beziehungen würden dann in einem neuen Licht erscheinen. Unsere zwischenmenschlichen Verhältnisse wären nicht länger Gegenstand unpersönlicher politischer Parteiprogramme oder wirtschaftliche Machtstrukturen, sondern das, was unmittelbar von Seele zu Seele webt. Wir sehen, dass Politik unmittelbar im Ressort des Karma arbeitet und somit viel unmittelbarer »unters Volk« gehört, als dies mancher Politiker wünschen mag. Was hieße es, unter dieser Voraussetzung zu regieren? Jedenfalls etwas, das fern jeder Manipulationsmöglichkeit stehen würde. Der um seine Wiederverkörperung wissende Mensch wird zunehmend weniger manipulierbar.
Ich täusche mich keinesfalls darüber, dass solche Worte allein, z.B. als Programm formuliert, schon zu jener Revolution führen würden. Diese kann nur durch die Summe der vielen einzelnen individuellen Revolutionen zur Tatsache werden. Sie ist der entschiedene Gegentrend zu einer Massengesellschaft oder gar einer Volksrevolution. Das kann nicht anders sein. Darüberhinaus gibt es ja durchaus nicht zu verachtende egoistische Gründe, weshalb man am liebsten annehmen möchte, am eigenen Schicksal seien im Wesentlichen die anderen schuld. Man bekäme es mit der Angst zu tun, wenn man realisieren würde, dass man im Anderen nur sich selbst bekämpft. Die Ablehnung des Karmagedankens ist bei weitem der bequemere oder — weniger vornehm ausgedrückt — der faulere Weg.
Wenn dem so ist, dass wir in den Schicksalsereignissen uns selbst begegnen, wie können wir dies erfahren? Gegenwärtig haben immer mehr Menschen unmittelbar im Leben auftretende karmische Erlebnisse. Dies ist eine selbstverständliche Folge dessen, dass die Menschheit im Großen und Ganzen einen Entwicklungsstand erarbeitet hat, in dem das Einzel-Ich die Verantwortung für seine eigene Lebensgestaltung übernimmt. Diese Verantwortung erstreckt sich selbstverständlich auch auf den jeweiligen Lebensumkreis, sowohl das Mitmenschliche als auch die Zivilisation. Rudolf Steiner spricht von einem »über die Schwelle Gehen« der Menschheit im 20. Jahrhundert. Jenseits dieser Schwelle bzw. durch das Hereinragen entsprechender Erlebnisse in unser Tagesbewusstsein treten jene sich häufenden spontanen karmischen Erlebnisse und auch geistig-seelische Erfahrungen anderer Art auf. Es soll hier zunächst gezeigt werden, dass die durch bewusste Schulung erworbenen karmischen Erlebnisse ein deutliches Licht auch auf die im täglichen Leben auftretenden werfen. Das ist nicht anders zu erwarten, da sich beide auf denselben Gegenstand beziehen. Allerdings können ohne Schulung bedeutende Verzerrungen, Irrtümer und Fehlinterpretationen des Erlebten auftreten, sodass es gut sein wird, die Schulung nicht deshalb zu unterlassen, weil man bereits karmische Erlebnisse hat. Sie zu beobachten ist das eine, sie zu erkennen und zu erarbeiten, das andere…

aus: Nothart Rohlfs (Hrsg.), Wie wir wurden, wer wir sind, Verlag Urachhaus, Stuttgart 1999, Vortrag Hans-Willi Haub: Der Umgang mit dem Karma – eine Herausforderung an den Menschen der Gegenwart, Seite 43 ff.